Vorwort Heft 96

Liebe Abonnentinnen und Abonnenten,
liebe Verlagsmenschen im Kinder- und Jugendbuchmarkt

Wie versprochen präsentieren wir Ihnen – neben ganz viel Buntem, Inspirierendem, Lustigem und Anregendem – im vorliegenden Heft (Kapitel 9) einen aktuellen Schwerpunkt zu den Themen kulturelle Identität, Flucht aus der Heimat und Ankommen in der Fremde.

Die Umsetzung der vielfältigen Erfahrungen schlägt sich in autobiografischen und fiktionalen Texten mit beeindruckenden Perspektiven nieder. Das Lesen dieser teils mit bitteren Schicksalen verknüpften Bücher hat unser Denken und Schreiben darüber nachhaltig beeinflusst. Nicht zuletzt auch unsere Sicht auf das wohlbehütete, stabile, durch?organisierte, demokratisch gelenkte Staatswesen, in dem wir uns befinden. Die beinahe als selbstverständlich empfundene Komfortzone und das mit gewohnten Sicherheiten ausgestattete Leben wird kontrastiert mit ganz krassen ?Erfahrungen der Existenznot und Armut, der Bedrohung an Leib und Leben der Flüchtenden (und Ankommenden) und ihrer ersehnten Zukunft. Die Empathie bei der Lektüre wird aber auch gehörig durcheinandergeschüttelt, denn wir müssen uns ausserdem der Irritation, der Verfremdung, der ?Antipathie stellen, die uns beim Lesen packt, wenn wir uns die Figuren, deren Lebenswelt und die dramatischen Ereignisse vorstellen. Was wir mit dieser enormen Auswahl an gelungener Literatur in der Praxis anstellen, liegt in den Händen der Lehrpersonen und Bibliotheksmenschen, der Multiplikatoren und nicht zuletzt auch bei den jungen Leserinnen und Lesern. Es braucht Mut und Sachkenntnis, diese Texte in den Unterricht zu integrieren, lebendige Diskussionen ?darüber zu führen, sich und den Kindern und Jugendlichen diese vielfältigen Erfahrungen auch zuzumuten. Lohnenswert ist es in jedem Fall, das haben wir als Rezensentinnen für Sie ausprobiert.

Deshalb erlaube ich mir in diesem Editorial zwei Imperative:
1. Lassen Sie sich verführen und überraschen!
2. All diesen tollen Büchern sei eine breite Leserschaft und ein hohes Wirkungsziel zu wünschen!

Wer sich mit dem Thema Heimat als Grenzerfahrung intensiver befassen möchte, dem sei noch die aktuelle Ausstellung im Stapferhaus Lenzburg empfohlen: www.stapferhaus.ch

In diesem Sinne grüsse ich Sie ganz herzlich, Ihre

Evelyn Schertler Kaufmann
Präsidium Jugendliteratur aktuell

Im Mai 2017